Der Häftling, der Europa verkabelte
Im Herbst 1842 sitzt ein junger preußischer Artillerieoffizier in der
Zitadelle von Magdeburg. Fünf Jahre Festungshaft, verhängt wegen einer
Nebenrolle in einem Duell — er war Sekundant. Andere hätten die Wände
angestarrt. Werner Siemens lässt sich Chemikalien in die Zelle bringen (das waren noch Zeiten!) und richtet ein Labor ein. Zwischen Pritsche und Fenstergitter gelingt ihm ein Verfahren zur galvanischen Vergoldung, sein erstes Patent. Als die Begnadigung kommt, ist er darüber ehrlich verstimmt: Das Labor lief gerade so gut.

Zehn Mann, ein Hinterhof
Fünf Jahre später, im Oktober 1847, gründet er mit dem Feinmechaniker
Johann Georg Halske die „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske".
Startkapital: ein Darlehen aus der Verwandtschaft. Belegschaft: zehn
Arbeiter. Adresse: ein Hinterhofgebäude in der Schöneberger Straße, Berlin.
Das Produkt ist ein verbesserter Zeigertelegraph — zuverlässiger als alles,
was es bis dahin gab. Und Werner denkt vom ersten Tag an größer als die
Werkstatt: Er entwickelt eine Presse, die Kupferdraht nahtlos mit
Guttapercha ummantelt. Damit lassen sich Leitungen unter die Erde und
später unter das Meer legen. Wer Kabel isolieren kann, kann Kontinente
verbinden.
1849 geht die erste große Strecke in Betrieb: Berlin–Frankfurt, die längste
Telegrafenlinie Europas. Als die Nationalversammlung in der Paulskirche den
preußischen König zum Kaiser wählt, ist die Nachricht binnen einer Stunde
in Berlin. Vorher wäre sie tagelang unterwegs gewesen. Es ist der Moment,
in dem Information schneller wird als die Postkutsche — gebaut von einer
Firma, die es zwei Jahre vorher noch nicht gab.
Von London bis Kalkutta
Dann wird es groß. 1870 nimmt die Indo-Europäische Telegraphenlinie den
Betrieb auf: elftausend Kilometer von London über Berlin, Odessa und
Teheran bis Kalkutta, gebaut unter Führung des Hauses Siemens. Eine
Depesche, die vorher Wochen mit dem Schiff reiste, braucht jetzt unter
einer Stunde. Die Firma legt mit dem eigens gebauten Kabelschiff „Faraday"
Telegrafenkabel durch den Atlantik — nicht eines, sondern ein halbes
Dutzend.
Nebenbei, im Jahr 1866, beschreibt Werner das dynamoelektrische Prinzip und
baut die Dynamomaschine: Strom muss nicht mehr aus teuren Batterien kommen,
sondern lässt sich aus Bewegung erzeugen, in jeder Menge. Elektrizität wird
vom Laborkuriosum zum Handelsgut. 1879 fährt auf der Berliner
Gewerbeausstellung die erste elektrische Eisenbahn der Welt, 1881 in
Lichterfelde die erste elektrische Straßenbahn. Das Wort „Elektrotechnik"
hat Werner gleich mitgeprägt — und dann durchgesetzt, dass man das Fach an
Hochschulen lehren kann.
Fortschritt als Arbeit
Man kann diese Geschichte als Denkmal lesen. Interessanter ist sie als
Betriebsanleitung. Werner hielt Fortschritt nicht für Schicksal, sondern
für Arbeit: Er baute eine Pensionskasse für seine Arbeiter, Jahrzehnte
bevor es die Sozialversicherung gab, weil er wusste, dass niemand Präzision
liefert, der um seine Existenz fürchtet. Er investierte in Forschung, die
sich erst in Jahrzehnten auszahlte. Und er fing an, bevor irgendetwas davon
sicher war — mit zehn Mann in einem Hinterhof.
Ein Land, das gerade darüber diskutiert, ob es Industrie noch kann, darf
sich ruhig erinnern: Es hat schon einmal bei null angefangen. Genauer
gesagt in einer Gefängniszelle in Magdeburg.