Fortschrittsbericht · 03.07.2026

Gottlieb Daimler: Der Motor aus dem Gartenhaus

Gottlieb Daimler: Der Motor aus dem Gartenhaus

Die Falschmünzer von Cannstatt

1882 kauft ein Mann mittleren Alters eine Villa in Cannstatt bei Stuttgart
und baut als Erstes das Gartenhaus um. Neue Werkbänke, eine Schmiede, dicke
Vorhänge. Besucher empfängt er dort nicht, Personal darf nicht hinein, und
gehämmert wird zu seltsamen Zeiten. Der Gärtner zählt eins und eins
zusammen und meldet der Polizei, was hier offensichtlich vorliegt: eine
Falschmünzerwerkstatt.

Die Beamten durchsuchen das Gartenhaus in Abwesenheit des Besitzers. Sie
finden keine Druckplatten und keine Münzstempel, nur Werkzeug und Motoren
in verschiedenen Stadien der Zerlegung. Der Hausherr heißt Gottlieb
Daimler, und was er zu verbergen hat, sind keine Blüten, sondern ein
Zeitplan: Er will schneller sein als alle anderen.


Der Motor in der Standuhr

Daimler ist zu diesem Zeitpunkt kein Anfänger. Der Büchsenmachersohn aus
Schorndorf hat als technischer Direktor der Deutzer Gasmotorenfabrik den
Viertaktmotor zur Serienreife gebracht — und ist dort im Streit gegangen,
weil die Firma den Motor als stationäre Fabrikmaschine sah. Daimlers
Überzeugung ist eine andere: Der Motor muss klein, leicht und schnell
werden, dann kann er sich bewegen. Mit ihm kommt Wilhelm Maybach, der
beste Konstrukteur seiner Generation, den Daimler seit dessen Jugend im
Reutlinger Bruderhaus kennt.

Im Gartenhaus entsteht 1884/85, was die beiden die „Standuhr" nennen, weil
das Gehäuse an eine Pendeluhr erinnert: ein Benzinmotor, der auf 600
Umdrehungen pro Minute kommt — ein Mehrfaches dessen, was stationäre
Gasmotoren leisten, und klein genug, um ihn in ein Fahrzeug zu schrauben.
In welches? In alle, findet Daimler. Sein Programm steht fest, bevor das
erste Fahrzeug existiert: Motorisierung zu Lande, zu Wasser und in der
Luft.

Erst das Zweirad, dann die Welt

Im November 1885 montieren die beiden die Standuhr in ein hölzernes
Zweirad mit Stützrädern. Daimlers Sohn Paul fährt mit dem „Reitwagen" von
Cannstatt nach Untertürkheim und zurück — die Sitzbank kokelt unterwegs an,
aber die Fahrt gelingt. Es ist, nüchtern betrachtet, die erste
Motorradfahrt der Geschichte. 1886 folgt die Motorkutsche, das erste
vierrädrige Automobil der Welt. Und aufs Wasser geht es auch: Beim
Motorboot auf dem Neckar montiert Daimler Porzellanisolatoren und Drähte,
damit die Leute das Boot für elektrisch halten — vor Benzin an Bord hätten
sie Angst gehabt. Verkauft wird trotzdem.

1890 wird aus der Werkstatt die Daimler-Motoren-Gesellschaft, 1901
konstruiert Maybach den ersten Mercedes. Aber der Kern der Geschichte
liegt früher, im Gartenhaus: zwei Männer, dicke Vorhänge und die
Gewissheit, dass der Verbrennungsmotor nicht in die Fabrikhalle gehört,
sondern in die Welt.

Die Garage war schon immer der Anfang

Die Legende vom Weltkonzern aus der Garage gilt als kalifornische
Erfindung. Das Original steht in Cannstatt und hatte einen Gemüsegarten
drumherum. Was die Geschichte so brauchbar macht: Daimler war 48, als er
die Deutz verließ und noch einmal von vorn anfing — mit eigenem Geld,
gegen den Rat der Branche und mit Nachbarn, die die Polizei schickten.

Die Nachbarn werden nie verstehen, was du da baust. Bau es trotzdem.